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Portrait

Dr. Flemming

KRYPTOREALISMUS - und sein Schöpfer Davood Roostaei

Für alle Menschen, die mutig den weg der Liebe und Menschlichkeit gegangen sind und anderen diesen Weg gezeigt haben. Für die von gestern, heute und morgen.

Lass die Berge erzittern, zittere selbst nicht! "In meiner Kunst kämpfe ich gegen die Zeit", erklärte der Maler in einem Gespräch vor seinen Bildern, "die Zeit läuft unaufhörlich, alles geht einmal zu Ende, die Vergänglichkeit nimmt der Natur und auch dem Menschen die Erscheinungsformen." Doch das Ende ist auch wieder ein Anfang, bedeutet Verwandlung der Materie, eine ewige Metamorphose auf allen Gebieten vom Irdischen bis zum Kosmischen - so etwa lauten die Gedanken des Malers über Zeit und Ewigkeit, Sinn und Rätsel des Lebens und Sterbens und einer vielleicht möglichen überpersönlichen Weiterexistenz, denen er in seinen metaphorischen Bildern Ausdruck verleiht - Bildern, die im einzelnen oft schwer zu entschlüsseln sind und manchmal eines genaueren Kommentars ihres Schöpfers bedürfen. Deshalb sind zahlreiche Abbildungen in dieser Monografie mit Erläuterungen und Kommentaren Versehen, die auf Gedanken und eigenen Interpretationen des Malers basieren. Davood Roostaei ist ein Maler von außergewöhnlicher Intensität des Ausdrucks - stets von tiefgründiger Inspiration erfüllt, zugleich von einem humanen Engagement beseelt, das seinem Schaffen eine heute in der aktuellen Kunst selten gewordene menschliche Dimension verleiht. Er ist ein im humanen Sinne "engagierter" Maler, für den Malen Leben bedeutet, gleichzeitig aber auch Veranschaulichung einer an die Menschheit gerichteten Botschaft der Brüderlichkeit und Toleranz, die er, nicht zuletzt auf Grund eigener bitterer Erfahrungen mit einem intoleranten totalitärem Regime, mit heißblütigem Elan vertritt. Er ist ein Universalmaler, der - metaphorisch gesprochen - mit seinem Herzblut malt, ein suggestiver Künstler von starker persönlicher Ausstrahlung, der auf intuitive Weise eine ganz eigenständige Bildkonzeption entwickelte. Von Anfang an kennzeichnete Roostaei`s Schaffen ein ungewöhnlich malerisches Können, dass er bereits während seiner Studien an der Fakultät der Schönen Künste in Teheran und später in Köln erworben hatte und das ihm bis heute eine wesentliche Grundlage für seine handwerkliche Virtuosität und seine vielschichtigen bildnerischen Ausdrucksmöglichkeiten vermittelt, in denen orientalische und abendländische Komponenten sich spannungsvoll vereinen. Vor allem aber hat er sich seine Fähigkeiten als Maler, Zeichner und Freskokünstler durch das Studium der alten Meister und der Kunst vergangener Epochen autodidaktisch selbst gelehrt und dabei wesentliche Einsichten in die bildnerischen Gestaltungsweisen des Orients und Okzidents gewonnen. Erst nach dem er die Kunststile der Vergangenheit eingehend studiert und sich die ihnen zugrunde liegenden handwerklichen und konzeptionellen Ausdrucksformen angeeignet hatte, begann er damit, ganz eigene Wege zu gehen, von denen in dieser ersten Monographie die Rede sein wird. Wie aus seinen Selbstzeugnissen hervorgeht, die in dieser Monografie an anderer Stelle abgedruckt sind, hat sich Roostaei bereits in frühester Jugend bildnerisch bestätigt. Im traumhaften Garten seiner Kindheit in Persien fand er vielerlei Möglichkeiten, die Natur und den Kosmos zu beobachten und eigene kleine Werke zu basteln. Roostaei stammt aus einer königlichen Familie im Süden des Landes; sein Urgroßvater war ein mutiger Stammesfürst. Seine Vorfahren waren bis zum Ende der Kadscharen - Herrschaft in führenden Positionen tätig. Nachdem die Kadscharen - Dynastie entmachtet worden war, verloren sie ihren Besitz an Ländereien, wurden gefangen genommen oder gar getötet. Aufgewachsen ist Roostaei in Süd Persien. Seine Eltern, die ihn sehr modern erzogen, können an seinem Erfolg nicht mehr teilhaben. Der früh verstorbene Vater, vom Hauptberuf ein angesehener Chirurg, war nebenher Maler. Roostaei kam nach Abitur und Studium nach Deutschland. Wegen Verweigerung des Militärdienstes während des iran-irakischen Krieges verbrachte er vierundzwanzig Monate im Gefängnis, weil er sich gegen Krieg und das Töten wandte. Roostaei hat zunächst in Köln, später in Hamburg sein malerisches Schaffen mit bewundernswerter Energie fortgesetzt und bis zur heutigen Reife weiterentwickelt. Als Restaurator und Neumaler wiederentdeckter Fresken in der Gründerzeitvilla Höltigbaum bei Rahlstedt und im Hause Wedells in Hamburg, die aus dem Historismus am Ende des 19. Jahrhunderts stammen, bewies Roostaei sein ungewöhnliches handwerkliches Können und bildnerisches Einfühlungsvermögen in vergangene europäische Stilepochien. Das bereits erstaunlich umfangreiche bildnerische Werk von Roostaei lässt sich in verschiedene Abschnitte gliedern, die seinen Entwicklungsweg von den frühesten Anfängen bis zur gegenwärtigen Position veranschaulichen und in dieser Monografie im wesentlichen chronologisch vor Augen geführt werden. Bei seinen Studien der Kunst in der Vergangenheit begann Roostaei mit einer Auseinandersetzung mit der Höhlenmalerei, in der sich die frühesten bildnerischen Ausdrucksformen der Menschheit spiegeln - Werken, die vor allem dem Jagd- und Fruchtbarkeitszauber dienten, mit deren magischen Praktiken und Analogien die Existenz und das Überleben des prähistorischen Menschen gesichert werden sollte. Ein weiter Sprung führt dann zur Freskenmalerei, einem Gebiet, auf dem Roostaei - wie bereits angedeutet - Erstaunliches leistete. Die Restaurierung und großteils Neumalung der Wand - und Deckenbilder in der gründerzeitlichen Villa Höltigbaum in Hamburg, denen er neuen Glanz verlieh, ist allein Roostaei zu verdanken - seiner unbeirrbaren Beharrlichkeit, alle ideellen und materiellen Widerstände zu überwinden. Das nächste Kapitel seiner malerischen Entwicklung veranschaulicht die Auseinandersetzung des Malers mit den Meistern des Impressionismus und Nachimpressionismus. Aus einer anderen Stelle in dieser Monografie abgedruckten Selbstdarstellung geht hervor, wie stark ihn das Werk von Vincent van Gogh beeindruckte und seine Vorstellung von Malerei völlig veränderte. Auch mit der unmittelbar vorausgegangenen Malweise von Claude Monet hat sich Roostaei auf seine Art auseinandergesetzt und dabei Bilder von beachtlicher Peinture und Koloristik geschaffen. Doch erst in der Folgezeit entwickelte der Maler Bildmotive und Bildformen, die über das rein visuelle Erlebnis hinausweisen und symbolhaltige Aussagen über den Menschen und seine Natur machen. Mit diesen Werken, die zum Teil bereits surrealistische Stilmerkmale aufweisen, begann das unverkennbar eigenständige Schaffen des Malers. Eine große Rolle spielt in Roostaeis Bildmotiven das Thema der Frau, dem er zahlreiche Darstellungen aus verschieden Stimmungslagen und unter vielfältigen mythologischen und erotischen Aspekten widmete. Seine weitgespannte Gefühlsskala und vielschichtige Verwurzelung in orientalischen und abendländischen Traditionen kommt in derartigen Darstellungen fesselnd zum Ausdruck. Ein eingeführter Abschnitt führt Roostaeis Begegnungen mit namhaften zeitgenössischen Persönlichkeiten verschiedenster Sparten vor Augen, vor allem Malern, Zeichnern, Schauspielern und Entertainern und ungewöhnlichen Menschen aus der "Szene". Dabei werden Fotos von den persönlichen Begegnungen mit Zeichnungen oder Bildnissen des Malers von den Betreffenden konfrontiert, die oft erst viel später entstanden. Was den Portraitisten Roostaei anbetrifft, so ist eine erstaunliche, ja eine einzigartige Tatsache zu vermerken: Roostaei ist in der Lage, nach einer Begegnung mit einem potentiellen Modell ohne Skizze, Vorzeichnung oder Fotografie die oder den Betreffenden allein aus dem Gedächtnis frappierend genau zu zeichnen oder zu malen, wobei der treffende Augenausdruck zu seiner besonderen Stärke gehört. Eines seiner einfühlsamsten und anspielungsreichsten Bildnisse ist Papst Johannes Paul II gewidmet. Dem treffenden Portrait des Papstes sind mehrere symbolhaltige Gestalten zugeordnet. Links oben erscheint ein strahlender Engel mit ausgebreiteten Flügel gleichsam in sein Haupt integriert, unter den Engel erblickt man den knienden Papst in Rückenansicht beim Gebet mit dem Ausspruch "I love all people whatever colour or nationality". Am rechten Bildrand ist die Kreuzabnahme dargestellt, das herabfallende Gewand des toten Jesus hat die gleiche gelbe Farbe wie die Soutane des Papstes. Am unteren Bildrand sind die beiden Engelsputten vom Gesims der "Sixtinischen Madonna" von Raffael zu sehen. Anders als auf dem Vorbild des Originals hat Roostaei den rechten der beiden Engel mit schwarzer Hautfarbe versehen, um die postulierte Gleichheit aller Rassen vor der christlichen Religion zu betonen, die nach seiner Meinung für alle Glaubensbekenntnisse gelten sollte. Was bei der Betrachtung der Bilder von Roostaei bereits auf den ersten Blick ins Auge fällt, ist die ungewöhnliche Vielfalt seiner malerischen und zeichnerischen Ausdrucksmöglichkeiten, die er mit gleicher Intensität der Expression und Virtuosität der Realisierung zu handhaben vermag. Das gilt besonders für die nächste Phase in Roostaeis Schaffen, die im klassischen Surrealismus aus der Aufbruchszeit der Moderne zwischen den Polen eines Dali und Magritte wurzelt. Die damals entstandenen Bilder führen den Betrachter in eine fesselnde Welt surrealer Metamorphosen und hintergründiger Verfremdungen. Der Mensch, die Natur und der Kosmos, aber auch Themen wie Tod und Unterdrückung, Hoffnung und Befreiung, Eros und Sensualität bilden die Motive, die der Maler in surrealen Metaphern voller Poesie und Verfremdung äußerst variationsreich schildert. Auch Elemente des Religiösen und Zeitkritischen sind in manchen Werken zu beobachten, nicht zuletzt auch Anspielungen aus den Bereichen der Mythologie und Legenden. Ein in geheimnisvoll düsteren Blau- und kalkig fahlen Weiß- Tönen gehaltenes nächtliches Triptychon, auf dem verwitternde Totenschädel, geknickte Vogelfedern und ein männlicher Kopf im Übergang zu Skelettformen die surreal verfremdete Requisiten bilden, reflektiert noch Erinnerungen an Terror, Krieg und Vernichtung, erinnert aber auch an das Vanitasbild an die Vergänglichkeit alles Irdischen. Andere in lichtdurchfluteten Farben gemalte Bilder wie ein weites Meerespanorama mit aus dunklen Wolken hervorbrechenden Sonnenstrahlen oder eine kosmische Kugel, aus der Leben hervorquillt, zeugen von einer darauf folgenden Hinwendung zu neuer Lebensbejahung, die in einer zuweilen an die Romantik anklingenden, altmeisterlich lasierenden Malweise ihren Ausdruck findet. Auch die surreale Komposition einer jungen Nixe mit blütenbegrenztem blonden Haar, die auf einer riesigen Muschel sitzt und sehnsüchtig in die Ferne schaut, während im linken Bildteil aus einem aufgespannten Regenschirm eine Margeritenblüte hervorsprießt, gehört in derartigen Zusammenhang und zeugt von einem wiedergewonnenen Optimismus im Hinblick auf eine Überwindung der Gefährdung von Mensch und Natur in unserer Epoche. Näher am Rande des klassischen Surrealismus bewegen sich einige figurative Kompositionen des Malers, in denen menschliche Körper seltsamen Verwandlungen unterliegen und mit Elementen der Natur verschmelzen - wie zum Beispiel in dem großformatigen Gemälde mit dem Titel "Melodie der verwehten Träume", das gleichsam eine maskuline Variante des antiken Daphne-Motivs auf surrealer Ebene darstellt. Zu den herausragenden Schöpfungen aus verwandtem Bereich gehört auch ein hockender weiblicher Rückenakt im weiten leeren Raum mit dem Titel "... doch die Hoffnung bleibt" sowie die Rückenansicht eines jungen Mädchens mit langen blonden Haaren, in deren herabfliesenden Strähnen ein Mauerwerk mit Gitterfenster und Ausblick in eine friedliche Landschaft sichtbar wird - mit dem Titel "Gefangen in der eigenen Schönheit". In derartigen Bildern wie auch in dem liegenden männlichen Akt mit Würfelkopf und leuchtend rotem Inkarat - "Die Maske" betitelt - hat Roostaei den surrealistischen Stil eines Magritte auf eigenständige Weise weiterentwickelt und dabei aus dem Geiste unserer Gegenwart neue Visionen geschaffen. Seine Beherrschung der männlichen Aktfigur manifestiert sich - neben dem ebengenannten Bild des liegenden Maskenmannes in Rot - vor allem in dem dramatischen Riesenbild mit dem Titel "Sich hassen bis zur Vernichtung", das zwei athletische Männerkörper in einem erbarmungslosen Kampf zeigt, ohne dabei die ästhetische Schönheit des kraftvollen Glieder- und Muskelspiels zu leugnen. Die seltsame Verschmelzung von Elementen des Surrealismus mit antik anmutender Anatomie zählt zu den besonderen Stileigentümlichkeiten des Malers. Unter den ganz andersartigen pastos-tachistischen Bildern, in denen sich ein bevorstehender grundlegender Stilwandel abzeichnet, finden sich thematisch abstrahierte Szenen vom Stierkampf in der Arena, einem identifikatorischen Lieblingsthema des Malers oder auch einem furiosen Wirbelsturm, der bei ihm metaphorisch zu einem "Wirbelsturm der Schöpfung" umgedeutet erscheint. Auch eine ganz neu gesehene "Loreley" mit konkreten Muscheln, Blättern und Gazeschichten ist aus dieser Werkgruppe hervorzuheben - eine Sinfonie in vielschichtig - reliefhaften Blauviolett-Tönen und zugleich eine figurative Komposition, in der die Sage von der zauberisch schönen, die Männer betörenden und in den Abgrund lockenden Rhein-Fee aus persischer Sicht neugesehen erscheint. In der Werkgruppe eines Stilwandels gehört schließlich ein großformatiges Abendmahlbild - eine lichtdurchflutende Farbsinfonie aus vielfältigen Gelbakkorden, in der neben den festgelegten christlichen Motiven anspielungsreiche surreale Einsprengsel auftauchen - zum Beispiel die nackte Gestalt von Adam und Eva, Vögel über dem Kreuz, kabbalistische Zeichen auf dem Antependium sowie Symbole wie Masken, Würfel und bildschöne Mädchenköpfe, die Heuchelei, Unrecht und Hexenverbrennungen anprangern sollen. Christus selbst ist das Buch der Weisheit zugeordnet und unter den Jüngern findet sich ein Selbstbildnis des Malers sowie ein Portrait seines damaligen Mäzens. Derartige Hinweise zu den surrealistischen Werken mögen genügen, die ungewöhnliche Vielschichtigkeit und oft auch Mehrdeutigkeit der Schöpfungen des Malers aufzuzeigen. Seine Bilder sind nicht nur malerisch bedeutsame Arbeiten surrealer Prägung, sondern zugleich auch Zeugnisse einer ungemein regen Phantasie, die überlieferten Motiven aus Mythologie und Legenden, aber auch Problemen des Menschen unserer Zeit neue malerisch-zeichnerische Aspekte abgewinnt. Ikonografischer Erfindungsreichtum und bildnerisch virtuose Realisierung halten einander dabei spannungsvoll die Waage. Aus seiner surrealistischen Schaffensphase hat Roostaei seinen Stil und seine Malweise überraschend weiterentwickelt und in eine Richtung verändert, mit der er malerisches Neuland betrat und eine neue Kunstrichtung schuf. Die seitdem entstandenen Werke, zu denen bereits einige der der zuletzt beschriebenen Bilder gehören, erscheinen in ihrem vibrierenden pastosen Pinselduktus und ihrer von farbglühendem Feuerwerk durchpulsten Palette auf den ersten Blick nahezu abstrakt und tachistisch. Im Gegensatz zu den Werken der Tachisten und Informellen liegen den Bildern jedoch stets konkrete gegenständliche Bedeutungen und Aussagen zugrunde, mit denen der Maler Probleme der Zeit und der Vergänglichkeit, der ewigen Metamorphose der Natur und des Lebens sowie seine humane Botschaft an alle Mitmenschen zu veranschaulichen bestrebt ist. Diese neuartige eigenständige Konzeption von Roostaei, in der eine abstrakte, symbolhaltige Malweise tachistischer Prägung mit konkreten Inhalten zum aktuellen Zeitgeschehen und zum ewigen Kreislauf der Schöpfung unlöslich verknüpft erscheint, habe ich mit dem Begriff "KRYPTOREALISMUS" bezeichnet - als eine Malerei des verschlüsselten Ausdrucks zugrunde liegender realistischer Motive aus dem weiten Bereich zwischen existentieller Zeitkritik und Menschheitsumspannendem Humanismus. Die weitgespannte Thematik der kryptorealistischen Bilder von Roostaei reicht von den legendären Gestalten aus der griechischen Mythologie und orientalischen Dichtung - über die Philosophen und Dichter der Antike, des Orients und des Abendlandes bis zu den Meistern der klassischen Moderne sowie den herausragenden Persönlichkeiten des gegenwärtigen Zeitgeschehens. Prometheus und Ganymed, Sokrates und Platon, Sisyphus und Epikur, Hafis und Goethe, Kant und Nietzsche, Gauguin, van Gogh und Picasso, Oscar Wilde und Henry Miller, Papst Johannes Paul II und Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl zählen zu den Persönlichkeiten der Kunst, Kultur, Politik und des Lebens, die den Maler zu eigenen Paraphrasen und Deutungen inspirierten und die er mit anspielungsreichen Attributen kryptorealistisch verfremdete. Da erscheint Sisyphos als Astronaut - "das Leben hat einen Sinn" lautet die Botschaft des Malers - oder ein selbstbildnerischer Prometheus, der seine Ketten zerreißt, ein bizarrer Torero, der unbeirrbar "gegen die Zeit" kämpft oder Nietzsches charakteristischer Kopf im dramatischen Kampf für eine neue Philosophie des Vitalismus und der Autonomie des Menschen - seine identifikatorische Symbolfigur des Zarathustra war als legendärer persischer Prophet und Religionsstifter einst ein Landsmann von Roostaei - , van Gogh in einer Verschmelzung seines leidgeprägten Antlitzes mit dem letzten ahnungsvollen Bild der "Rabe über dem Kornfeld" - ein Gemälde mit dem Titel "Mein Vincent" - oder auch Picasso in kryptischer Selbstidentifikation und Abwandlung, nicht zuletzt der Vitalist und Erotiker Henry Miller mit dem symbolischen Attribut eines hochhackigen Damenschuhs als Sexual-Fetisch. Das Alles und vieles mehr ist im Stil des Kryptorealismus geschildert, als eine Malerei des verschlüsselten Ausdrucks zugrunde liegender realistischer Motive aus dem weiten Bereich von der abendländischen und altorientalischen Kultur bis zur aktuellen Zeitkritik. Zu den Darstellungen zum Zeitgeschehen gehören in erster Linie Bilder wie das feuerwerkshafte Gemälde "Tag der Freiheit", in dem der Maler das Thema der Wiedervereinigung auf kryptorealistische Weise behandelt und das er selbst als Mahnbrief für die Freiheit und Menschlichkeit betrachtet. Roostaei blieb bis heute weltweit der einzige Maler, der das ihn - nicht zuletzt auf Grund eigener Erfahrungen mit einem totalitären Regime - zutiefst bewegende bedeutende Ereignis bereits vor dem Mauerfall bildnerisch gestaltete. Diese Wünsche wurden Realität. Seine innere Anteilnahme an dem für Deutschland so bedeutungsvollen Geschehen war tiefer und echter empfunden als die der meisten zeitgenössischen Künstler einer vermeintlichen Aktualität. Mit den Werken zum Thema der Wiedervereinigung, zu denen auch das Gemälde "Adieu DDR" gehört, hängt Davoods Bildnis von Bundeskanzler Helmut Kohl zusammen, den er als "Vater der Einheit" schildert. Über dem Brandenburger Tor, das aus der Stirn des Kanzlers surreal emporragt, schwebt an der Stelle der Quadriga eine strahlende Friedenstaube, und zu den Kohl beigegebenen symbolhaltigen Attributen zählen die Gestalten von Beethoven links und von Goethe und Schiller rechts als Repräsentanten humanen deutschen Geistes. Die Gemälde des Wiedervereinigungszyklus hat der Künstler bereits vor dem Fall der Mauer geschaffen. Er sah das bedeutende Ereignis voraus. Bundeskanzler Helmut Kohl würdigte Davood Roostaei für dessen Engagement, mit dem er den Wiedervereinigungsprozeß bildnerisch begleitete. Im folgenden sollen die vielschichtigen Ausdrucksformen des von Roostaei entwickelten Kryptorealismus an einer Reihe von Beispielen veranschaulicht und näher erläutert werden. Der Maler selbst hat sich immer wieder als Torero dargestellt, der mit furiosem Elan gegen die Zeit kämpft, die bei ihm als Stier mit römischen Ziffern am Körper symbolisiert erscheint. "Arena" nennt Roostaei ein großformatiges kryptorealistisches Gemälde, das einen Matador beim Stierkampf darstellt. Der schwarze Stier symbolisiert - wie bereits angedeutet - die Zeit, gegen die der Matador mit dem roten Tuch kämpft. Die surreale Arena befindet sich über einem See, das Wasser erscheint dem Maler als ein Symbol der Reinheit. Die vielfältige "Melodie des Lebens", wie Roostaei es formuliert, manifestiert sich in vielen symbolischen Randfiguren, zu denen auch ein Kind gehört, das mit der Sonne Fußball spielt - der Sonne, die in vielen der ältesten Kulturen und Religionen im Orient - wie bei den Parsen das Feuer - ein Gottessymbol bedeutet. "Mein Guernica" nennt Roostaei ein anderes großformatiges Gemälde, das zwischen einem Goethe Portrait links und der amerikanischen Freiheitsstatue rechts, die das Antlitz des Malers trägt, einen Kosmos beziehungsreicher Figuren und Kultstätten enthält. Von Kyros, dem ersten König der Perser, der erstmalig in einer Rede an den Himmel die Freiheit pries, bis zu einem Matador unserer Zeit, der die Fahne Persiens mit seinem roten Tuch wieder aufrichten will, reicht die Spannweite des vielschichtigen Geschehens, das sich zwischen den Ruinen von Persepolis und der Weltstadt New York abspielt. Selbst empfindet sich Roostaei als einen Sohn des Hafis, der ins Land von Goethe gelangte. Ein anderes kryptorealistisches Bild mit dem Titel "Kreislauf der Schöpfung" zeigt im Zentrum ein blondes Mädchen im Profil. Es trägt einen dicken blonden Zopf, der wie eine Kornähre anmutet. In den Mädchenkopf integriert erscheinen die Flügel einer Windmühle, die sich sensenhaft drehen - der Tod als Sensenmann wird assoziiert -, das Korn wird zermahlen, gleichsam totgemacht und doch dabei in der Verwandlung zum Spender neuen Lebens, zum Ernährer des Menschen. Die Kraft der Materie bleibt in der Metamorphose erhalten, bildet sozusagen das Sperma der Fortexistenz. Randfiguren zeigen unter anderen eine Frau mit Korb und Sense in der unteren linken Ecke, die erntet, und alle übrigen anspielungsreichen Details vereinigen sich in einer flirrenden Sinfonie in Goldgelb zu einer Hymne auf das Leben. Dank seiner Herkunft ist Roostaei mit der alten persischen Dichtung vertraut, die in der Lyrik von Omar Khajjam und Hafis gipfelt, er hat sich aber auch intensiv mit der Philosophie beschäftigt und zwar der abendländischen von der Antike bis zu Nietzsche, in deren Werken er für die gesamte Menschheit gültige Gedanken des autonomen Individuums erblickt. In einigen Gemälden hat er seine oft eigenwilligen Vorstellungen von den großen Philosophen in neuartiger Sicht geschildert. Zu ihnen gehört ein surrealer Kopf von Platon, in den er die Gestalten von Sokrates, seinem Lehrer, und Aristoteles, seinem bedeutendsten Schüler, beziehungsvoll integrierte. Eine andere vom Maler bildhaft dargestellte Entwicklungslinie führt von Aristoteles zu Kant und schließlich zum kryptorealistisch verborgenen Antlitz von Hegel, das bei einer Drehung des Gemäldes um neunzig Grad sichtbar wird. Auch mythische Gestalten der griechischen Antike hat Roostaei aus seiner Sicht auf zuweilen überraschender Weise veranschaulicht. Von Prometheus und Sisyphos bis zu Ganymed reichen dabei seine Motive, dem schönen Jüngling aus der antiken Mythologie, den Zeus in Gestalt eines Adlers entführte und zu seinem Geliebten und Mundschenk machte. Dabei stellt er das Thema unter einen aktuellen Zeitbezug. Roostaei schildert nicht - wie so viele namhafte Künstler der Antike - die Szene der Entführung selbst, vielmehr sitzt in seiner Darstellung Ganymed bereits im Olymp zu Füßen des Gottes, der auf einer Kline ruht. Links im Bild schaut der Maler persönlich mit nachdenklichem Blick auf das Geschehen. Im Hintergrund sieht man ein Liebespaar zweier Jünglinge. Die rechts neben Zeus am Bildrand sichtbare Verkehrsampel steht auf Rot, um auf die bis heute bestehende Gefahr für die Anhänger einer vielerorts noch immer verbotenen Liebesform hinzuweisen. In einen derartigen Zusammenhang gehört auch das Bildnis des Dorian Gray, das Roostaei als Paraphrase zu Oscar Wilde malte. Dorian Gray, die Titelfigur des unter psychologischen, erotischen und kriminologischen Aspekten bis heute fesselnden berühmten Romans von Oscar Wilde aus dem Jahre 1891, war ein junger Mann von ungewöhnlicher Schönheit. Als Dorian von dem Maler Basil Hallward porträtiert wurde, äußerte der gerade Anwesende geistvoll - verführerische Lord Henry (mit dem sich Wilde selbst identifizierte) den Wunsch, der schöne junge Mann möge wie auf dem Bild niemals altern, das Bildnis jedoch stattdessen die Züge des Alters annehmen. Aus dieser geradezu surrealen Idee entwickelt sich dann die spannende Parabel, die tragisch endet. Roostaei stellt den Kopf des klassisch schönen Dorian in den Bildmittelpunkt. Links wird er von einem nackten Jüngling in antikem Kontrapost flankiert, rechts von dem Maler Basil, als den Davood sich selbst schildert. Als Bild im Bilde erscheint - diffus verfremdet - das Antlitz von Lord Henry, dem suggestiven Inspirator des Geschehens, und über Dorian Gray thront als Krönung der Kopf eines griechischen Knaben, zu dem eine antike Marmorskulptur aus der klassischen Epoche dem Maler die Anregung gab. Einen Gegenpol zu Darstellungen wie "Endymion" oder "Dorian Gray" bildet ein Portrait von Henry Miller, dem großen vitalistischen Erotiker. Noch im Alter von über achtzig Jahren verliebte sich der Dichter in eine junge Frau, der er jahrelang äußerst intensive Liebesbriefe voll sexuellem Elan schrieb, die postum veröffentlicht wurden ("Brenda, Liebste"). Roostaei hat Miller mit dem Attribut hochhackiger Damenschuhe porträtiert, die als Symbole für seine sexualfetischistischen Neigungen zu verstehen sind. An dieser Stelle ist noch ein Wort zu Roostaeis Bildnissen am Platze. Neben seinen kryptorealistischen Werken schuf der Maler stets auch surreale Portraits, in denen er die Dargestellten nicht nur lebensecht schilderte, sondern auch mit charakteristischen Attributen zur Kennzeichnung ihres Wesens ausstattete. Außer dem Altbundeskanzler Helmut Kohl - von seinem Bildnis war bereits zuvor die Rede - hat er unter anderem den langjährigen früheren Außenminister Hans-Dietrich Genscher, den Nobelpreisträger Günther Grass und den verstorbenen deutschen Künstler Horst Janssen mit Anspielungen auf ihre Lebenssituationen überzeugend porträtiert. Zu den zeitkritischen Bildern ausgesprochen kryptorealistischer Prägung von Roostaei gehören neben den bereits erwähnten Darstellungen zum Fall der Mauer und zur Wiedervereinigung wie dem "Tag der Freiheit" auch mehrere Paraphrasen zum Thema "Glasnost", in denen die Wandlungen im Osten nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ihren Ausdruck finden. Nicht nur mit der Wiedervereinigung und Befreiung vom Kommunismus hat sich Roostaei als weltweit einziger Maler bildnerisch beschäftigt. Auch die Themen der Zukunft Deutschlands und seine Rolle im vereinten Europa regten ihn zu eigenen Bildgedanken an. Im Rückblick auf eine fünfzigjährige Epoche des Friedens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs widmete er dem ersten Kanzler der Bundesrepublik ein symbolhaltiges Portrait, das Konrad Adenauer als den Wegbereiter und Vater der deutschen Demokratie darstellt. Gleichsam die Ereignisse vorwegnehmend sind in sein Bildnis die Symbole des ehemals geteilten und nunmehr wiedervereinigten Deutschlands anspielungsreich integriert. Zum Zeichen des Neubeginns hat der Maler auf die rechten Bildseite das Datum "1945" als die Jahreszahl des Kriegsendes gesetzt und die Zahl "50" in der Bildmitte steht für die nun seit fünfzig Jahren währende Zeit des Friedens und der Freiheit. Zum Zeichen des Glücks, das Demokratie und Freiheit bedeutet, fliegen fünfzig weiße Tauben über die Bildfläche vor dem Hintergrund eines farbenfrohen Freudenfeuerwerks. Ein anderes Gemälde, das in den Zusammenhang der Trennung und Wiedervereinigung des deutschen Volkes gehört und die alte und neue Hauptstadt Deutschlands ins Zentrum rückt, ist der verstorbenen Berlinerin Marlene Dietrich zugeeignet, die in Berlin ihre letzte Ruhestätte fand. Wie keine andere Filmschauspielerin verkörperte Sie mit ihrem Leben und Handeln in der Emigration die Problematik der gesinnungsmäßigen Gespaltenheit des deutschen Volkes in Krieg und Frieden. Während des Zweiten Weltkriegs stand sie aktiv auf der Seite der Alliierten für Freiheit und Gerechtigkeit gegen das kriminelle Nazi-Regime. Mit dem von Hans Leip im Zusammenwirken mit Lale Andersen als erster Interpretin kreierten Lied "Lili Marleen", das damals alle Soldaten begeisterte und das sie während der letzten Kriegszeit im getarnten alliierten "Soldatensender Calais" immer wieder sang, schlug sie eine tiefe Schneise in die deutschen Linien und Schützengräben, wo sie ihre großteils ahnungslosen Hörer fand und mitwirkte, den Zusammenbruch der Nazi Diktatur zu beschleunigen. Durch Marlene Dietrich wurde "Lili Marleen" zu einem Soldatenlied, das die Fronten überwand und der Humanität zum Durchbruch verhalf. Doch auch unproblematische und daseinsfreundliche Motive hat Roostaei auf kryptorealistische Weise geschildert. Zu ihnen zählen sein Gemälde vom Alstervergnügen und den Wasserspielen in Hamburg, wo der Maler seit langem seine Wahlheimat fand. Deutschland wurde für Roostaei zum "Geliebten Land", in dem er sich nach häufig wiederholter eigener Aussage als Ausländer wirklich frei und allseits toleriert fühlt. Mehr als manche zeitgenössische deutsche Künstler identifiziert er sich mit der freiheitlichen gesellschaftlichen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland, in der er für immer zu bleiben beabsichtigt. "Lass mich German bleiben", lautet ein dementsprechender Bildtitel, der dem Film "Schindlers Liste" gewidmet ist. Neben formalen und ikonografischen Gesichtspunkten von Komposition, Farbe und Motiv spielt immer wieder ein weltumspannendes humanes Engagement in Roostaeis Schaffen eine wesentliche Rolle. Religiöse, rassische und politische Vorurteile aller Art sind ihm stets fremd und zuwider. Für ihn gibt es keine Grenzen zwischen Menschen und Kulturen, die nicht im brüderlichen Geiste zu überwinden wären. Auf die Frage, ob er ein Weltverbesserer sei, antwortete der Maler in einem Gespräch 1994: "Ich möchte mit meinen Bildern nachdenklich machen. In ihnen steckt ein humanistischer Gedanke, diese Welt zu verbessern. Ich möchte allen Menschen meine Herzenswärme vermitteln. Wir alle leben doch in einem großen Haus. Dieses Haus heißt Erde - gleichgültig welche Hautfarbe oder Religion die Menschen in ihm haben. "Bei seinen Darstellungen geht es Roostaei, wie er gern betont, nicht allein um die äußere Erscheinung des visuell Wahrgenommenen. Der Künstler müsse nicht nur den Körper seiner Modelle malen, sondern auch die Seele seiner Geschöpfe zu veranschaulichen sich bemühen. In der Gegenwartskunst vermisst er - wohl nicht zu unrecht - diesen menschlichen Aspekt, den er in seiner Malerei zu betonen versucht, ohne dabei sentimental zu werden. Im Gegenteil: In seinem Wesen und in seiner Erscheinung ist Roostaei kein zaghafter, sondern bei aller Sensibilität ein eher kämpferischer Typ, der sich bei seinen Auftritten gerne in kostbar goldbestickte, eigens in Madrid nach Maß angefertigte Torerojacken gewandet. "Ich bin ein Stierkämpfer", erklärt er, "ich kämpfe gegen die Zeit und ihre negativen Entwicklungen. Das ganze Leben ist eine Arena. Ich bin auf der Suche nach dem Rätsel der Ewigkeit ...". Als malerische Methode, diese Rätsel visuell zu veranschaulichen und Lösungen anzubieten, erfand er für seine Darstellungen den "KRYPTOREALISMUS", eine neue Kunstrichtung. Wie bereits zuvor erläutert, handelt es sich dabei um eine auf den ersten Blick abstrakt-tachistisch anmutende Malweise, der jedoch stets konkrete Innhalte und Aussagen zugrunde liegen - um eine Malerei des verschlüsselten Ausdrucks realistischer Motive aus einem weitgespannten thematischen Bereich von der Antike bis zur Gegenwart, wie an charakteristischen Beispielen in dieser Einführung dargelegt wurde. Mit seinem Kryptorealismus ist es Roostaei als erstem Maler gelungen, die beiden Pole gegenwärtigen Kunstschaffens von Realismus und Abstraktion, von überlieferten und heutigen Sichtweisen zu einer neuartigen Ganzheit eigenständiger Prägung zu verschmelzen.

Dr. Hanns Theodor Flemming